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Industrie- und Sozialpfarrer Dieter Heisig zum Gelsenkirchener Appell

Der Gelsenkirchener Appell vom 6. Juli 2012 richtet sich an die Bundesregierung und an die Landesregierung NRW. 1.000 zusätzliche und sozial ausgerichtete Arbeitsplätze sollen geschaffen werden, um Arbeitslosen wieder Perspektiven zu geben. Wie ernst die Lage in der Stadt ist, wird bereits deutlich in der Bandbreite der Unterzeichnenden: Kirchen und Wohlfahrtsverbände haben sich dem Appell ebenso angeschlossen wie alle Fraktionen des Rates der Stadt. Für den Evangelischen Kirchenkreis Gelsenkirchen und Wattenscheid hat Industrie- und Sozialpfarrer Dieter Heisig an der Formulierung des Appells mitgewirkt. Katharina Blätgen sprach mit ihm darüber.

Industrie- und Sozialpfarrer Dieter Heisig zum Gelsenkirchener Appell

Dieter Heisig ist Industrie- und Sozialpfarrer des Kirchenkreises und zugleich Synodalassessor (Stellvertreter des Superintendenten). Foto: KK/Katharina Blätgen

Pfarrer Heisig, ist Gelsenkirchen in einer besonderen Situation im Blick auf den Arbeitsmarkt?

Das ist so und das war auch letztlich der Anlass für die Initiative zum Gelsenkirchener Appell. Denn die Zahlen belegen es: in Gelsenkirchen gibt es nicht nur eine höchst unerfreulich hohe Quote von Erwerbslosigkeit, sondern gleichzeitig hat sich die Zahl der Langzeitarbeitslosen verfestigt. Sechs von sieben erwerbslosen Menschen betrifft das bei uns. Zwar gibt es auch Vermittlungen und Bewegung: Die Mitarbeitenden des Jobcenters tun natürlich, was sie können. Und dennoch: Noch vor Ablauf der Jahresfrist sind viele Menschen wieder auf die Unterstützung angewiesen. Das ist auch die Folge sogenannter flexiblerer Arbeitsmarktregeln, da werden Befristungen über Gebühr genutzt, unbezahlte Praktika erwartet und all die Dinge, die wir als prekäre Verhältnisse kennen. Und wenn dann auch womöglich noch Schulabschlüsse und Ausbildungen fehlen, dann braucht es einen eigentlich nicht mehr zu wundern, dass es hier zwar Bewegung, aber keine Besserung gibt.

 Was meint der Appell mit „zusätzlichen und sozial ausgerichteten Arbeitsplätzen“?

Zusätzlich bedeutet ganz schlicht, dass keine regulären Arbeitsplätze verdrängt werden dürfen. Und sozial ausgerichtet bezieht sich als logische Folge dann darauf, dass hier in erster Linie Organisationen, Körperschaften, Wohlfahrtsverbände usw. angesprochen sind, die gemeinnützig tätig sind. Wir wollen also keine Mitnahmeeffekte ermöglichen, bei denen durch öffentliche Gelder privat verdient wird.

Deshalb könnte ich mir solche Arbeitsplätze zum Beispiel bei der Kommune vorstellen, wo vielleicht ein einsturzgefährdetes, aber historisch wertvolles Gebäude gerettet und mit Leben gefüllt wird – wozu der normale Haushalt zur Zeit niemals die entsprechenden Mittel bieten kann.

Denkbar ist auch die Unterstützung und Sicherung eines Stadtteilzentrums, das von bürgerschaftlichem Engagement getragen wird. Es geht um Arbeit an Projekten, die unter derzeitigen Umständen nicht finanzierbar und die dennoch wichtig wären für ein gutes Miteinander unserer Bürgerinnen und Bürger. Das könnte die Lebensqualität in unserer Stadt weiter steigern und den Zusammenhalt fördern.

 Woher soll das Geld für diese 1.000 Arbeitsplätze kommen?

Aus einer Mischung von vorhandenen Geldern, die ja für solche Zwecke bereits da sind, die so genannten Eingliederungstitel; aus Einsparungen der Stadt Gelsenkirchen, denn diese muss ja weniger für Menschen aufkommen, die in diesem Programm dann eben tariflich verdienen, und auch aus zusätzlichen Mitteln, die wir mit diesem Appell einfordern, denn Ungleiches muss eben ungleich behandelt werden. Das heißt: Was vielleicht in Bayern oder in Düsseldorf an Förderung reicht, um die Probleme zu bewältigen, reicht bei uns, wie die Zahlen deutlich beweisen, eben nicht.

 Der Appell spricht von der Notwendigkeit, die Finanzierungsbeiträge aufzustocken. Halten Sie es für realistisch, dass Landes- und Bundesregierung sich dazu bereit finden?

Eine realistische Chance haben wir, wenn wir in großer Gemeinsamkeit, über Partei- und Weltanschauungsgrenzen hinweg, diese Forderung als Gelsenkirchener laut werden lassen. Es muss unüberhörbar sein, dass wir die Ermöglichung gleicher Lebenschancen wollen. Das wollen alle Gelsenkirchener Bürgerinnen und Bürger. Und der erste Schritt wäre schlicht, die finanziellen Kürzungen im Bereich der Arbeits- und Beschäftigungsförderung rückgängig zu machen. Wir können auf diese Gelder nicht verzichten.

Wieso ist es so wichtig, tausend Arbeitsplätze zu schaffen? Wäre es nicht wichtiger, sich für eine bessere Versorgung aller Arbeitslosen einzusetzen?

Das darf man auf keinen Fall gegeneinander ausspielen. Natürlich müssen erwerbslose Menschen gut versorgt werden. Und auch da ist ja leider noch nicht alles gut und ausreichend geregelt. Aber letztlich ist die Ermöglichung von bezahlter Erwerbsarbeit auch noch mehr als eine finanzielle Frage. Denn Arbeit schafft Sinn, Anerkennung, Selbstverwirklichung. Wie oft höre ich das von Betroffenen: „Unterstützung ist gut – aber mein eigentliches Problem ist erst dann gelöst, wenn ich wieder einen bezahlten Arbeitsplatz habe.“ Das wollen wir erreichen.

Und damit sagen Betroffene ja: Arbeit gehört zum Menschsein dazu. Sie fühlen das. Und das ist auch unsere Überzeugung in der evangelischen Kirche; dass langdauernde, erzwungene Arbeitslosigkeit letztlich ein Angriff auf die Menschenrechte ist. Deshalb dürfen Christen da nicht schweigen.