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Reformationsfest und „Momente der Ewigkeit“

Auf dem Kirchplatz standen ein Polizeiwagen und ein Mercedes mit Berliner Kennzeichen; vom Kirchturm St. Georg läuteten die Glocken. Reformationsfest im Jahr der Kulturhauptstadt „Ruhr 2010“. Die evangelischen Kirchen in Hattingen hatten zum Festgottesdienst mit einem prominenten Gastprediger eingeladen; Bundestagspräsident Dr. Norbert Lammert.

„Momente der Ewigkeit“, so heißt die Reihe der Bachkantaten, die für Ruhr 2010 über das Jahr in unterschiedlichen Kirchen im ganzen Ruhrgebiet gespielt werden. In den Hattinger Gottesdienst sind die „Momente“ mit der Reformationskantate „Gott, der Herr, ist Sonn’ und Schild“ gekommen. Vier
SolistInnen führten sie zusammen mit dem Hattinger Vokal- und Instrumentalensemble auf und deren Leiterin Lore Goes erklärte vorweg, dass die Kantate stilistisch eher zu den „symphonischen“ Werken
des Komponisten gehöre. Dann ging es los. Unverkennbar Johann Sebastian Bachs Musik, die mit ihrer Feierlichkeit ein etwas zu frühes, aber wunderbares Weihnachtsgefühl im Bauch auslöste.

Danach kam die Predigt. Richtig, da standen ja der Polizeiwagen und der Mercedes vor der Tür. Denn die Festansprache hielt jemand ganz besonderes: Norbert Lammert, Bundestagspräsident und engagierter Christ, oder, so sagt er selbst, „protestantisch veranlagter Katholik“. Und als Lammert auf der Kanzel in St. Georg stand, die hoch in der Mitte über den Altar hinausragt wie der Platz des Bundestagspräsidenten im Plenarsaal, war es wirklich Norbert Lammert, den man von den Fernsehübertragungen aus dem Bundestag kennt: Der konzentrierte Blick, die klare Sprache, der
feine Humor und die ruhigen Gesten.








Hielt die predigt im zentralen Hattinger Reformationsgottesdienst  in der St. Georgs-Kirche. Foto: Achim Melde (Deutscher Bundestag)



Wie erwartet predigte er über den Zusammenhang von Religion und Politik: Sagte, dass die Vielfalt der Religionen zeige, dass Deutschland eine mulikulturelle Gesellschaft sei. Dass jede Gesellschaft Werte zu ihrer Orientierung brauche, die sich nicht nur, aber insbesondere aus den Religionen speisen. Dass die Zufluchtsorte der friedlichen Revolutionäre bei der Wiedervereinigung Deutschlands nicht die Universitäten, sondern die Kirchen waren.

Lammert ist selbst Professor, man merkte es seiner Predigt an. Er kann reden, auch dozieren und kam schließlich beim ersten Artikel des Grundgesetzes an: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Dann führte er aus: „Wir schreiben hier das Gegenteil unserer historischen Erfahrung, dass die Würde des Menschen antastbar ist. Unser politisches System hängt an einem ideologischen Satz und alles, was wir beschließen, muss sich daran messen lassen. Und wo kommt die Behauptung von der Unantastbarkeit der Menschenwürde her? Sie ist die verfassungsmäßige Setzung von der Gottebenbildlichkeit des Menschen!“ Gerade noch Universitätslehrer, sprach jetzt der Christ - war es vorher in der Kirche ruhig, ist es nun mucksmäuschenstill.

Doch Lammert war noch nicht zu Ende. Hatte er zu Beginn seiner Predigt viel über die deutsche Wiedervereinigung gesagt, griff der Katholik noch die Lutherdekade auf, das 500-jährige Jubiläum der Reformation 2017. Wenn er sich die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der beiden Kirchen heute ansähe, rechtfertigten die Unterschiede die Kirchenspaltung nicht mehr. Und damit dürfe man die Kirchenleitungen nicht alleine lassen. „Die Kirchenspaltung zu überwinden ist die gemeinsame Verantwortung aller Christen“, so Lammert und fasste die politische und die christliche Seite seiner Predigt zusammen: „Wir sind das Volk. Das Volk Gottes.“

Und noch während die Leute applaudierten, ist Lammert von der Kanzel verschwunden, zurück zu seinem Sitzplatz im Seitenschiff der Kirche. Wieder gibt es Musik, dieses Mal eine Variation von Jahn Topeit. Danach folgen Fürbitten, Vater unser und Segen. Der Hattinger Reformationsgottesdienst ist
zu Ende – ein „Moment der Ewigkeit“.
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