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Kirche und Integration: Kultursensibel handeln und die eigene Religion offen vertreten

Der Titel stand längst fest, ehe das vieldiskutierte Buch von Thilo Sarrazin auf dem Markt war. Bei ihrer gestrigen Jahrestagung in Essen haben sich die Superintendentinnen und Superintendenten der Evangelischen Kirchenkreise im Ruhrgebiet mit dem Thema „Flucht – Migration – Dialog. Fremde Heimat Ruhrgebiet“ befasst.

Als Referenten hatten sie den Autor eines ebenso beachtlichen Buches eingeladen: Armin Laschet, Minister a.D. für Generationen, Familie, Frauen und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen. Seine Kernthese lautet: Integrationsprobleme haben ihre Ursachen nicht im Islam, sondern in der sozialen Herkunft der Menschen. „Es ist keine religiöse Frage, sondern eine Bildungsfrage“, sagte Laschet wörtlich. Anders als in den USA, wo die Muslime in der Mitte der Gesellschaft leben, gehören viele der zugewanderten Muslime hierzulande eher zu den bildungsfernen Schichten. Genauso übrigens wie Spätaussiedler, aber auch wie viele deutsche Familien haben sie bedingt durch ihre soziale Herkunft kaum Zugänge zu den klassischen Bildungsangeboten. Integrationsunwillig ist nach Laschet aber nur eine Minderheit der 4 Millionen hier lebenden Muslime. „Die meisten muslimischen Mitbürger sind gut integriert.“ Bei denen müssten daher Integrationsmaßnahmen wie Erwerb der deutschen Sprache und Durchsetzung der Schulpflicht ansetzen.




Minister a.D. Armin Laschet (stehend) während seines Vortrags bei der Jahrestagung der Ruhrsuperintendentenkonferenz zum Thema "Integration und Migration als Herausforderung für das Ruhrgebiet." Foto: Hoof


Dass Deutschland ein Zuwanderungsland ist, sieht der ehemalige Minister mittlerweile als parteiübergreifenden Grundkonsens. Armin Laschet begreift dies zugleich als eine große Chance für die Zukunft unseres Landes. Angesichts des bekannten demographischen Wandels sind die hier lebenden Muslime für die Gesellschaft auch ein bedeutsamer wirtschaftspolitischer Faktor. Daher müsse es bedenklich stimmen, dass es mittlerweile einen deutlichen Trend zur Auswanderung gebe. In diesem Jahr hätten bereits mehr türkische Mitbürger das Land verlassen als gekommen seien. „Man müsste eigentlich eine Hierbleibprämie zahlen“, forderte Laschet und sagte im Blick auf die Bildungsanstrengungen des Staates weiter: „Wir brauchen jedes Kind“. 

Den Kirchen stellte Armin Laschet ein großes Kompliment aus. Sie hätten schon vor 30 Jahren mit ihren sozialdiakonischen Diensten auf die Dringlichkeit des Integrationsproblems reagiert. Von ihrem Engagement könne die Politik auch heute noch lernen. Eine besondere Herausforderung sieht er darin, kultursensible Angebote zum Beispiel in der Altenpflege und in der Seelsorge zu entwickeln. Abschließend ermutigte der Minister die anwesenden Superintendenten dazu, auch die eigene Religion wieder offener zu vertreten. Dies sei eine wichtige Voraussetzung für den interreligiösen Dialog.

Zum Abschluss der Tagung zog Superintendent Detlef Mucks-Büker, scheidender Komoderator der Ruhrsuperintendentenkonferenz ein positives Fazit: Gerade die Kirchen brächten wichtige Voraussetzungen für den interreligiösen Dialog und die Integration mit: nämlich eine gewisse christliche Beharrlichkeit und die Bereitschaft, Vertrauen zu bilden. Das sollte auch ihre Arbeit zum Beispiel im Bereich der Kindertagesstätten und in der Seelsorge prägen. Mucks-Büker wörtlich „Es gibt keine einfachen Lösungen. Wir brauchen einen langen Atem.
Drei Schwerpunktthemen am Nachmittag:

Auf die teilweise dramatische Situation von hier lebenden Flüchtlingen machte Karin Asboe vom Diakonischen Werk Rheinland-Westfalen-Lippe (Düsseldorf) aufmerksam. Dabei scheiterten viele Asylsuchende schon an den äußeren Grenzen Europas, wo zum Teil eine massive Strategie der Abschottung und Abschiebung praktiziert werde. Asboe forderte ein Bleiberecht und einen Abschiebstopp für alle seit mindesten fünf Jahren hier lebenden Flüchtlinge. Zugleich machte sie auf die angespannte Lage der kirchlichen Flüchtlingsberatung im Ruhrgebiet aufmerksam: Im Blick auf die Beratungsstelle in Dortmund sagte sie wörtlich: „Dort geht gar nicht mehr“.
Pfarrer Edgar Born, Aussiedlerbeauftragter der Evangelischen Kirche von Westfalen (Hamm), sieht auch nach dem Abklingen der Zuwanderung von Spätaussiedlern noch erheblichen Integrationsbedarf bei dieser Bevölkerungsgruppe. Viele Aussiedler aus den ehemaligen Ostblockstaaten seien mittlerweile gut integriert. Besonders aber Jugendliche, die keine Deutschkenntnisse mehr mitbringen, hätten große Probleme, ihren Platz in der Gesellschaft und ihre Identität zu finden. „Da geht man eben dorthin, wo eine Gruppenidentität durch dieselbe Herkunft besteht, also in die Gang“, erklärte Born indirekt die Beobachtung, dass viele jugendliche Russlanddeutsche einen Hang zu Gewalt und Kriminalität entwickeln.

Einen guten Einblick in die Situation der hier lebenden Muslime gab Dr. Ahmet Ünalan, Pädagoge und Sozialwissenschaftler Düsseldorf). Im Blick auf die hier aktiven Moscheevereine sieht Ünalan gegenwärtig zwei verschiedene Wege: Rückzug und Bildung von Parallelgesellschaften oder die Chance auf Integration. Auch er  hält die Bildungsferne vieler junger Muslime das Kernproblem der Integration. Ünalan wörtlich: „Die dritte Generation von muslimischen Zuwanderern ist entwurzelt. Sie haben keine Bindung mehr an das Heimatland und keine Orientierung in der Gesellschaft.“ Das schränke auch ihre Fähigkeiten ein, in die Mitte der Gesellschaft zu drängen.

Wahl eines neuen Komoderators

Superintendent Detlef Mucks-Büker war seit 2005 Moderator und seit 2009 als Komoderator der Ruhrsuperintendentenkonferenz tätig. Er leitete die Jahrestagung in Vertretung des erkrankten Moderators, Superintendent Joachim Deterding (Oberhausen). Es war zugleich seine letzte Amtshandlung, denn mit Superintendent Michael Stache (Dortmund) hatte die Konferenz schon am Vormittag seinen Nachfolger gewählt.

Zur Ruhrsuperintendentenkonferenz

Die Konferenz der Ruhrsuperintendenten/-innen ist der Zusammenschluss der Leiterinnen und Leiter der 19 Evangelischen Kirchenkreise im Ruhrgebiet. Sie tritt seit über 50 Jahren regelmäßig zusammen, um Erfahrungen in der Begleitung des Wandels im Ruhrgebiet auszutauschen und diese in gemeinsames Handeln umzusetzen.
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